Kurzgeschichten
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Zwei Jahre hütete und mehrte sie treulich Güter und Besitz ihres fernen Gatten. Der Herbst färbte die Blätter rot, der Winter überzog das Land mit kaltem Reif, der Frühling weckte die Krokusse, und die Sommersonne verbrannte die Blüten. Die Ernte ging ins Land, die Christmette wurde gelesen, und die Schwalben kehrten aus dem Süden zurück. Doch ihren Mann Konrad brachten sie nicht wieder.
Und als dieser nach so langer Zeit noch immer nicht heimgekehrt war und die Maiensonne abermals fröhlich lachte und der Frühling das Land blühend überzog, so beschloß sie, ihn zu suchen und wieder für sich zu gewinnen. Denn tief und unerschütterlich waren ihre Liebe und Treue zu ihm.
(Aus: "Der Gürtel". Erschienen im Sammelband:
Piroska Kuhn: Von der Fee nur der Fuß.)
Der Professor zog seinen Mantel an, um in der üblichen Eile zur Tür zu hasten, dabei seine Schlüssel zu suchen, über die Schuhe seiner Gattin zu stolpern, nicht ohne noch einmal zurückzulaufen ins Schreibzimmer, um vergessene Unterlagen in seine Aktentasche zu stopfen, die dabei noch weiter an den Rändern ausfransten und einknickten, und selbstverständlich blieb er auch dieses Mal an den Knöpfen seiner Weste und den Manschetten seines Hemdes hängen, und als schließlich er den immer noch nicht wiedergefundenen Schlüssel doch in der Manteltasche fand, in die er ihn stets gleiten ließ, und der Schlüssel sich, als er endlich die Wohnung verlassen hatte und nun abschließen wollte und diesen herauszuziehen suchte, ganz entschieden dagegen wehrte und festzuhängen schien - da entdeckte er ein Loch im Futter ebendieser Manteltasche.
Das war ein langer Satz – dachte der Professor. Er dachte stets mit sich und über sich. Da wird meine Gattin das Loch flicken müssen – und eventuell schimpfen, wie sie immer irgendein Geräusch macht, dachte er weiter. Er dachte immer als 'meine Gattin' von ihr. Doch laßt uns wieder in die größere Perspektive schlüpfen, die sich mit der des Professors überschneidet und doch noch mehr weiß von ihm als er von sich. Der Professor jedenfalls fuhr erneut mit der Hand in die Tasche, um mit dem Zeigefinger den Weg ins Futter zu suchen und die Ausmaße des Loches zu erkunden, und da war es wieder der Professor, der dabei ans Nasebohren dachte, dem Loch jedoch keineswegs widerstehen konnte. Als er jedoch seine Hand im Futter drehte und wendete und suchte - da fand sein Zeigefinger kein Loch zum Bohren, sondern nur eine kleine Tür. Das ist ärgerlich, dachte der Professor. Das wird Minna mißfallen. Manchmal dachte er auch als "Minna" an seine Gattin. Und er hatte keine Ahnung, ob Minna auch Türen stopfen konnte. Also zog er etwas verschämt den Zeigefinger wieder aus der Tasche, denn schließlich hatte er es eilig, was immer ein guter Vorwand ist, um Sachen auf später zu verschieben und dann zu vergessen, und beschloß, das Loch, das nun eine Tür war, die irgendwohin führen mochte, zu ignorieren. Denn schließlich hatte er das Nasebohren schon als Kind aufgegeben.