Kurzgeschichten

Meine Texte - meine Rechte. Veröffentlichungs- und Verwendungsanfragen nehme ich gerne entgegen.

„Und ist nicht die Liebe wie ein Potemkinsches Dorf, wenn sie beteuert, nicht aber gelebt wird? Was bedeutet das: ‚Ich liebe Dich?‘ Können wir dieser Floskel gewordenen Trinität von Worten noch glauben? [...]“

Nachdenklich drehte er seinen Füllfederhalter zwischen den Fingern. Barbara trat still neben ihm an den Schreibtisch und stellte eine frische Tasse Tee darauf ab sowie einen Teller mit Keksen. Er kratzte sich mit dem Füller am Kopf. Hautschuppen rieselten aus seinem schütteren Haar. Die lederbewehrten Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Faust ins Kinn gegraben, durchforstete er seinen Kopf nach Worten und die Worte nach Sinn.

Wer nie der minne tougen phlac

 

Wer nie der minne tougen phlac

unz an den tac,

der weiz niht, waz smerzen sint.

 

Wer nie in fremden armen lac

unz an den tac,

der weiz niht, waz smerzen sint.

 

Wer nie sîn trûtgesel mit clage

verliez mit iedem niuwen tage,

der weiz niht, waz smerzen sint.

 

Ich weiz ez wol, sît ich iuch traf,

vint ruowe niht noch slâf,

verlorn sint alle mîne tage.

Zwei Jahre hütete und mehrte sie treulich Güter und Besitz ihres fernen Gatten. Der Herbst färbte die Blätter rot, der Winter überzog das Land mit kaltem Reif, der Frühling weckte die Krokusse, und die Sommersonne verbrannte die Blüten. Die Ernte ging ins Land, die Christmette wurde gelesen, und die Schwalben kehrten aus dem Süden zurück. Doch ihren Mann Konrad brachten sie nicht wieder.

Und als dieser nach so langer Zeit noch immer nicht heimgekehrt war und die Maiensonne abermals fröhlich lachte und der Frühling das Land blühend überzog, so beschloß sie, ihn zu suchen und wieder für sich zu gewinnen. Denn tief und unerschütterlich waren ihre Liebe und Treue zu ihm.